|
Tag 25: Barreirinhas / Rio Preguicas Barreirinhas, am Ufer des Rio Preguicas gelegen, ist das Eingangstor zum Parque Nacional dos Lencois Maranhenses. Für Personen außerhalb Brasiliens ist der Park meist unbekannt, selbst Reiseführer wie Reise-Know-How und Lonely Planet widmen ihm erst oder nur einen Dreizeiler. Aber: Er ist für mich, obwohl ich schon das Glück hatte, viele landschaftliche Kostbarkeiten auf unserer Erde zu sehen, ein landschaftlicher Augenschmaus der absoluten Sonderklasse, ich kenne nicht Vergleichbares. Und dies gilt auch noch, obwohl ich schon Bilder gesehen habe mit Bootsfahren im Sossusvlei (Namibia), Schneefall am Ayers Rock (Australien) oder eine Namibwüste im Blütenmeer.
Barreirinhas, typisch brasilianischer Ghettoblaster – wer hat hier mehr kW: der Pickup oder die Soundanlage? Aber bevor wir uns die „großen Lencois“ (so der Kosename) anschauen werden, nutzen wir den heutigen Tag für eine ganztägige Bootsfahrt in das Mündungsgebiet des Rio Preguicas mit einem Abstecher zu den „kleinen Lencois“.
Rio Preguicas Wahre Bilderbuchansichten gibt es vom Boot aus zu sehen, wenn man den mäanderförmigen Flusslauf des Rio Preguicas mit dem Motorboot folgt. Obwohl der Fluss kaum 200-300km lang ist, ist seine Breite schon gewaltig, teilweise sind es mehr als 1km. Oft besteht das Ufer aus (Süßwasser-)Mangrovenwäldern, manchmal gibt es kleine baumbedeckte Seitenkanäle. Wieder einmal aus dem Dickicht der „Uferbebauung“ entronnen, sind schon die ersten Sanddünen direkt am Flussufer zu erkennen. Auf diese Sanddünen wollen wir wandern, es ist der Eingang zu den „kleinen Lencois“. Wie schon in der Chapada Diamantina stammt der Name „Lencois“ von ihrem Aussehen nach Betttüchern ab. Da sie im Bundesstaat Maranhao liegen, nennt sich der Park dann Lencois Maranhenses. Die kleinen Lencois sind im Farbton „beige“ gehalten, die großen Lencois, die wir morgen sehen werden, sind dann ganz in weiß.
Zwischen den kleinen Lencois und dem Rio Preguicas Was die Lencois so außergewöhnlich erscheinen lässt, sind die Lagunen aus Regenwasser zwischen den einzelnen Dünen. Man mag es schier nicht glauben, aber dem ist so: Sanddünen mit Badelagunen, daneben ein Fluss der mehr Wasser wie der Rhein führt und gleich daneben noch undurchdringlicher Uferwald.
Urwald, Wasser, Sand und Dünen
Urwald, Wasser, Sand und Dünen
Mitten im Swimmingpool
Zwei einsame Reiter
Reiter So kann jeder von uns seinen Weg durch die Dünenlandschaft finden und die herrliche Landschaft genießen, bevor wir mit den Booten ins Mündungsgebiet des Rio Preguicas vorstoßen. Der Rio Preguicas verläuft auf seine letzten Kilometern parallel zum Atlantik, zwischen ihm und dem Ozean gibt es nur noch eine Lagune auf Sand. An manch einer Stelle kaum 50m breit, ist es auf der einen Seite der Halbinsel Süßwasser, auf der anderen Seite Salzwasser. Dass hier das Baden nicht zu kurz kommt, versteht sich ja von selbst. Aus Zeitgründen ist ein Flug mit dem Flugboot über die Gegend leider nicht möglich, denn der Ausflug geht weiter zum Leuchtturm von Mandacaru.
Leuchtturm von Mandacaru am Rio Preguicas
Mandacaru, Ausblick über den Rio Preguicas, im Hintergrund der Atlantik
Linienpassagierschiff aus dem Jahre 1903 an der Anlegestelle von Mandacaru Nach dem Aufstieg auf den 80m hohen und innen kühlen Leuchtturm gibt es einen herrlichen Panoramablick über die Flusslandschaft des Rio Preguicas. Am „Hafen“ des kleinen Ortes liegt auch ein Linien-Passagierschiff am Kai. Es ist ganz aus Holz und das Baujahr ist 1903. Mit solch einer Bootsart nur für 600 Personen wird es einige Tage später über den Amazonas gehen. Am späteren Nachmittag sind wir wieder in Barreirinhas zurück, unser Abendessen nehmen wir auf der „Seebühne“ eines am Rio Preguicas gelegenen Restaurants zu uns. Tag 26: Parque National Lencois Maranhenses Als ich im Vorfeld der Reise erste Bilder von den „großen Lencois“ gesehen hatte , konnte ich noch nicht glauben, dass solch eine Landschaft wirklich existiert. Ich dachte immer, es wäre eine Fotomontage oder jemand hat seine Fähigkeiten in Photoshop ausprobiert. Aber nun bin ich hier vor Ort und darf mich davon überzeugen, dass solch eine Landschaft wirklich existiert. Mit Jeeps einer örtlichen Agentur machen wir uns auf den Weg in den Nationalpark. Zunächst müssen wir durch Palmenhaine zur Übersetzstelle der kleinen Fähre über den Rio Preguicas.
Autofähre über den Rio Preguicas bei Barreirinhas Dann geht es weiter auf abenteuerlichen Sandpisten durch eine Strauch- und Buschvegetation. Im Unterschied zu gestern ist der Sand heute strahlend weiß. Um nicht in den sandigen Fahrspuren zu versinken, ist Allradantrieb und eine gekonnte Fahrweise von Nöten. Nach fast 2 Stunden ist das Ende der Fahrtstrecke erreicht, eine noch unspektakulär wirkende Düne versperrt die Weiterfahrt. Der Besuch der großen Lencois kann beginnen. Zunächst muss man noch die 50 Höhenmeter der Düne erklimmen bevor einem eine unwirklich anmutende, den Atem beraubende Szenerie erwartet. Eine schier unendliche Dünenlandschaft (genau genommen sind es gut 1500qkm, etwa die Größe von Sao Paulo) erstreckt sich einem wohin das Auge auch blickt. Der Sand ist ganz in Weiß, und was der Sache die Krone aufsetzt: Zwischen den Dünen sind eine Unzahl von Regenwasserlagunen (kein Schreib- oder Denkfehler!). Laut Schätzungen soll es bis zu 25000 Lagunen im Park geben, nur die wenigsten haben einen Namen.
Parque Nacional Lencois Maranhenses
Parque Nacional Lencois Maranhenses
Parque Nacional Lencois Maranhenses
Parque Nacional Lencois Maranhenses
Parque Nacional Lencois Maranhenses, Süßwasserlagune
Parque Nacional Lencois Maranhenses, Süßwasserlagune
Parque Nacional Lencois Maranhenses Fantastisch und unwirklich zugleich erstrahlen die unzähligen grün und blau schimmernden Süßwasserlagunen, die während der Regenzeit gebildet werden, und die in den Trockenmonaten langsam wieder verschwinden. Je nach Sonneneinstrahlung und Schatten ändert sich die Szenerie von Augenblick zu Augenblick. Innerhalb des Jahres ändern sich auch die Wasserstände in den Lagunen, von trocken bis mannshoch. Da der Sand angenehm temperiert ist, steht natürlich barfuß laufen an. Schabt man mit dem Fuß die oberen 10cm Sand weg, dann kommt von Wasser durchtränkter Sand zum Vorschein. Es regnet in dieser Wüste sehr viel, aber es gibt kein Leben in der Dünenwelt.
Parque Nacional Lencois Maranhenses; nasser Sand
Parque Nacional Lencois Maranhenses; nasser Sand (Bildmitte) auf einer Sanddüne Da ja genügend Lagunen zur Verfügung stehen, kann sich jeder seinen eigenen Swimmingpool heraussuchen und ungestört beim Baden die Landschaft genießen. Da wird auch der spießigste Rentner zum Kleinkind. Und das der Sand angeblich aus Nordafrika stammt, ist schier unglaublich. Auf der weiteren Wanderung durch die Dünenlandschaft fällt mir eine in ihrem Verlauf gerade erscheinende Fußspur auf, soll ich wieder einmal probieren, ob man in der Wüste im Kreis läuft. Also Augen zu und durch, und siehe da, nach 100 Schritten habe ich schon eine deftige Abweichung zur geraden Spur.
Parque Nacional Lencois Maranhenses; die obere Spur läuft geradeaus, die untere Spur zeigt die Abweichung beim Gehen mit geschlossenen Augen nach 100 Schritten! nasser Sand. Das mir dieses Wissen gut sechs Jahre später das Überleben in einer Extremsituation erleichtert, davon kann ich im Jahr 2008 noch nichts wissen (siehe unter Thorong La 2014) Da wir aber heute noch nach Sao Luis, der Hauptstadt des Bundesstaates Maranhao, kommen wollen, müssen wir nach 3 Stunden dieses wahre Meisterwerk der Natur wieder verlassen. Es geht auf gleichem Wege wieder zurück nach Barreirinhas. Barreirinhas ist nur durch eine gut 200km lange Stichstraße mit der großen Außenwelt verbunden, deshalb geht es größtenteils auf bekannter Strecke nach Westen, bevor wir für die letzten 50km in Richtung Norden nach Sao Luis abbiegen. Aufgrund der zeitigen Abfahrt der morgigen Frühfähre nach Alcantara (Wecken kurz nach 3 Uhr) und weil es schon fast 20 Uhr bis zum Eintreffen im Hotel ist, fällt das Abendessen sehr sporadisch aus.
|